Deutsch-türkischer Austausch macht Migrationsgeschichte erfahrbar
Schülerinnen und Schüler des BWV Ahaus und des Marmara Koleji erforschen die Lebenswege der ersten Generation der Gastarbeiter*innen
Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Was bedeutet es, in einem anderen Land auf ein besseres Leben zu hoffen? Und was verändert sich für diejenigen, die zurückbleiben? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schüler*innen des BWV Ahaus und ihre türkischen Austauschpartner*innen von der Partnerschule Marmara Koleji während ihrer Begegnung vom 8. bis zum 16. Oktober 2026 in Istanbul. Unterricht, historische Erkundungen und Interviews verbanden sich zu einer intensiven Projektarbeit, in deren Mittelpunkt die Lebensgeschichten der ersten Generation türkischer Arbeitsmigrant*innen standen.
Das Thema lautete: „1. Generation: Migration – Wir riefen Gastarbeiter*innen, es kamen Menschen. (1961–1985). Auf der Suche nach einem besseren Leben in Gurbet.“ Dabei richteten die Jugendlichen ihren Blick besonders auf die Perspektive der türkischen Gesellschaft: auf die Menschen, die aufbrachen, aber ebenso auf Familien, deren Alltag sich durch die Abwanderung nachhaltig veränderte.
Zwei Begegnungen – zwei Perspektiven auf Migration
Der Aufenthalt in Istanbul knüpfte an die erste Projektphase an, die im Mai 2026 mit einer Begegnung in Ahaus begonnen hatte. An diesem ersten Projektdurchlauf beteiligten sich jeweils 14 Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und der Türkei. Im Mittelpunkt stand zunächst die erste Generation der sogenannten Gastarbeiter*innen aus der Perspektive der aufnehmenden Gesellschaft in Deutschland.
In Istanbul wurde dieser Blick bewusst erweitert: Was bedeutete dieselbe Migration für die Gesellschaft, die von so vielen Menschen verlassen wurde? Welche Lücken entstanden in Familien? Wie veränderte sich das Leben der Familien, aus denen zahlreiche Menschen fortzogen? Und was geschah mit der Hoffnung auf eine spätere Rückkehr?
Die beiden Begegnungen waren damit keine voneinander unabhängigen Austauschreisen, sondern aufeinander bezogene Lernphasen. Gemeinsam ermöglichten sie es, Migration nicht ausschließlich aus einer nationalen Perspektive zu betrachten, sondern als verflochtene deutsch-türkische Geschichte zu untersuchen.
Historische Zusammenhänge und die eigene Identität
Bereits bei der ersten Begegnung in Ahaus arbeiteten die Jugendlichen in gemischten Arbeitsgruppen zum historischen Hintergrund des Projekts. Ausgehend vom Anwerbeabkommen von 1961 bis etwa zum Jahr 1985 recherchierten sie die Rahmenbedingungen der Arbeitsmigration und untersuchten mögliche Motive für den Aufbruch, darunter wirtschaftliche Not und die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen. Auf dieser Grundlage erarbeiteten die deutsch-türkischen Gruppen Präsentationen zu den Lebenswegen der ersten Generation der Gastarbeiter*innen.
Dabei ging es von Beginn an darum, historische Entwicklungen mit persönlichen Fragen zu verbinden. Vor dem Projektstart wurde eine strukturierte Befragung zur eigenen Identität durchgeführt. Die Jugendlichen setzten sich unter anderem mit ihren Zugehörigkeitsgefühlen auseinander: Was bedeutet Heimat für mich? Welchen Orten, Menschen oder Gemeinschaften fühle ich mich verbunden? Und welche Rolle spielt die Geschichte meiner Familie für mein Selbstverständnis?
Diese persönliche Annäherung bildete einen wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Arbeit. Die Schülerinnen und Schüler sollten Migration nicht nur als Gegenstand historischer Recherche kennenlernen, sondern auch darüber nachdenken, wie Erfahrungen von Aufbruch, Zugehörigkeit und Fremdsein über Generationen hinweg nachwirken können.
Mit Halûk Uluhan auf den Spuren der ersten Generation in Istanbul
Einen besonderen Stellenwert für die Projektarbeit hatte die Führung mit Halûk Uluhan bei dem Besuch in Istanbul am Anfang der Austauschwoche. Er führte die deutsch-türkische Gruppe in Tophane (Stadtteil in Istanbul) zur ehemaligen Deutschen Verbindungsstelle – einem Ort, an dem sich für viele Menschen entschied, ob ihre Hoffnung auf eine Arbeitsstelle in Deutschland Wirklichkeit werden konnte. Die Verbindungsstelle war für die Prüfung der beruflichen und gesundheitlichen Voraussetzungen der Bewerber*innen zuständig und organisierte gemeinsam mit den türkischen Stellen die Ausreise. Damit stand die Gruppe an dem zentralen Schauplatz der Geschichte, mit der sie sich zuvor in Ahaus in ihren Recherchen beschäftigt hatte.
Halûk Uluhan lenkte den Blick dabei auf konkrete Spuren des damaligen Geschehens. Er zeigte den Jugendlichen die Bänke, auf denen die untersuchten Frauen und Männer warten mussten, und die Moschee, in der sich die Wartenden gewaschen haben. Gerade solche Orte und alltäglichen Einzelheiten machten die Situation der Menschen anschaulich: Vor dem erhofften Aufbruch standen Untersuchungen, Warten und Ungewissheit. Die verpflichtenden Gesundheits- und Eignungsprüfungen waren umfassend; viele Bewerber*innen empfanden sie als erniedrigend.
Für die Jugendlichen eröffnete sich damit ein Zugang, der über Zahlen und historische Daten hinausging. Die Bänke und die nahe gelegene Moschee lenkten die Aufmerksamkeit auf Menschen, die ihre vertraute Umgebung verlassen hatten und nun darauf warteten, ob sie ihren Weg nach Deutschland fortsetzen durften. Die Frage nach einem besseren Leben erhielt an diesen Orten eine konkrete, persönliche Dimension.
Anschließend führte der gemeinsame Weg zum Bahnhof. Damit griff die Führung auch räumlich die Stationen des Aufbruchs auf: von der Begutachtung und dem Warten bis zur Abreise. Der Bahnhof Sirkeci war für viele der angeworbenen Arbeitskräfte ein Ausgangspunkt ihrer Reise nach Deutschland – und zugleich ein Ort des Abschieds von Angehörigen und der vertrauten Heimat.

Haluk Uluhans Führung bildete so eine wichtige Brücke zwischen der vorbereitenden Recherche und den späteren Interviews. Sie gab den Jugendlichen Anknüpfungspunkte für ihre Fragen nach Abschiedsschmerz, Hoffnung, familiären Trennungen und „Gurbet“, dem Leben fern der Heimat. Im Mittelpunkt stand nicht allein, wie die Anwerbung organisiert wurde, sondern vor allem, was dieser Prozess für die beteiligten Menschen bedeutete.

Eine besondere Aktualität erhielt das Projekt durch ein bevorstehendes Jubiläum: Am 30. Oktober 2026 jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 65. Mal. Die am 30. Oktober 1961 geschlossene Vereinbarung regelte die staatlich organisierte Vermittlung türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik Deutschland. Was zunächst als zeitlich begrenzte Arbeitsmigration angelegt war, entwickelte sich zu einem prägenden Kapitel der deutsch-türkischen Geschichte.

Ursprünglich war der Aufenthalt der angeworbenen Arbeitskräfte auf zwei Jahre begrenzt. Diese Beschränkung wurde 1964 aufgehoben. Bereits darin zeigt sich ein Spannungsverhältnis, das auch die Projektarbeit beschäftigte: zwischen der Vorstellung eines vorübergehenden Arbeitseinsatzes und Lebenswegen, die sich nicht auf einen festen Zeitraum begrenzen ließen.
Der Austausch nahm das Jubiläum deshalb nicht nur zum Anlass, an ein Abkommen zwischen zwei Staaten zu erinnern. Er fragte nach den Menschen hinter dieser Vereinbarung: nach ihren Gründen für den Aufbruch, nach ihren Erfahrungen in Deutschland und nach den Folgen für diejenigen, die in der Türkei zurückblieben. Die Führung mit Haluk Uluhan und die Gespräche mit Zeitzeug*innen und Angehörigen ergänzten sich dabei auf besondere Weise. Historische Orte und persönliche Erinnerungen machten deutlich, dass die Geschichte der Arbeitsmigration weder allein aus deutscher noch allein aus türkischer Perspektive verstanden werden kann.
So erhielt der Projekttitel „Wir riefen Gastarbeiter*innen, es kamen Menschen“ während der Begegnung einen konkreten Bezug: Im Mittelpunkt standen nicht nur benötigte Arbeitskräfte, sondern Menschen mit Beziehungen, Hoffnungen und eigenen Lebensentwürfen – und Familien, deren Geschichte durch den Aufbruch nachhaltig verändert wurde. Die Führung lieferte wichtige Impulse für die anschließende Projektarbeit.

Im Austauschprogramm ging es auch darum, Istanbul als Metropole auf dem europäischen und asiatischen Kontinent mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Die Schüler*innen besuchten im europäischen Teil Istanbuls die Rüstem Pascha Moschee, die Cisterna Basilica, die unterirdische Zisterne, und die bekannten Moscheen Aya Sofya und die Blaue Moschee im Sultan Ahmet Park.



Auch der Stadtteil Beyoğlu mit der İstiklal-Straße, auf der die deutsch-türkische Buchhandlung von Thomas Mühlbauer zu finden ist, und der Galata Turm wurden besichtigt. Die Gruppe fuhr auch mit der ältesten Standseilbahn auf dem europäischen Festland, Tünel, die am 17.01.1875 eröffnet wurde und über eine Länge von ca. 600 Metern die Station Karaköy am unteren Ende der Galatatbrücke und die Station Beyoğlu verbindet.

Kadıköy liegt auf der asiatischen Seite Istanbuls an der Küste des Marmarameers. Der Bezirk ist ein lebendiges Wohn-, Einkaufs- und Kulturzentrum und zugleich ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt: An den Fähranlegern kommen täglich zahlreiche Menschen an, die zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Stadt unterwegs sind. Besonders charakteristisch ist das Marktviertel, der „Kadıköy Çarşısı“, das ein Netz von Straßen und Gassen mit Lebensmittelgeschäften, Marktständen, Bäckereien, Fischhändlern und Restaurants ist. Obst, Gemüse, Käse, Oliven und andere Spezialitäten prägen das Angebot. Hier lässt sich die Ess- und Einkaufskultur der Stadt unmittelbar erleben.
Im asiatischen Teil Istanbuls ist auch die Schule, das Marama Koleji, angesiedelt. Vor allem auf dem Freitagsmarkt geht es sehr lebhaft zu.
Die Stadt bot damit unterschiedliche Anknüpfungspunkte für Beobachtungen, Gespräche und die weitere Projektarbeit.
Oral-History-Interviews - Gemeinsam forschen und unterschiedliche Sichtweisen zusammenführen
Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Interviews, die die Jugendlichen in gemischten deutsch-türkischen Kleingruppen führten. Gesprächspartner*innen waren Zeitzeug*innen der ersten Generation, die aus der Türkei nach Deutschland gezogen und später zurückgekehrt waren, oder Angehörige, die in der Türkei zurückgeblieben waren.
Die Gespräche eröffneten einen persönlichen Zugang zu Fragen, die zuvor vor allem Gegenstand der Recherche gewesen waren: Welche Hoffnungen waren mit dem Abschied verbunden? Wie wurde die Trennung von Eltern, Partner*innen oder Kindern erlebt? Welche Bedeutung hatte „Gurbet“ – das Leben fern der Heimat, verbunden mit Sehnsucht und dem Gefühl der Entfernung? Und warum wurde aus einer zunächst möglicherweise zeitlich begrenzten Auswanderung für viele ein dauerhafter Lebensmittelpunkt in Deutschland?
Auch die Perspektive der Zurückgebliebenen erhielt Raum. Die Jugendlichen fragten nach familiären Lücken, nach veränderten Beziehungen und nach den Folgen langjähriger Trennungen. Damit rückten Erfahrungen in den Mittelpunkt, die in einer ausschließlich auf Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Entwicklung gerichteten Betrachtung leicht in den Hintergrund geraten. Die Interviews verbanden so die übergeordnete Geschichte der Abwanderung mit individuellen Biografien.
Die Arbeit in gemischten Kleingruppen war dabei ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Die deutschen und türkischen Jugendlichen brachten unterschiedliche Vorkenntnisse, familiäre Bezüge und gesellschaftliche Perspektiven ein. Diese Unterschiede bildeten den Ausgangspunkt für die gemeinsame Auseinandersetzung.
Fragen mussten miteinander abgestimmt, Aussagen eingeordnet und unterschiedliche Deutungen besprochen werden. Die Schülerinnen und Schüler waren somit nicht nur Zuhörende, sondern selbst Forschende: Sie bereiteten Gespräche vor, stellten Nachfragen und setzten persönliche Erzählungen zu ihren historischen Recherchen in Beziehung.
Zugleich verlangte diese Form der Arbeit Sensibilität. Wer nach Abschied, Trennung und unerfüllten Rückkehrwünschen fragt, begegnet nicht nur historischen Informationen, sondern möglicherweise auch schmerzhaften Erinnerungen. Zum Lernprozess gehörte deshalb, aufmerksam zuzuhören, respektvoll nachzufragen und die individuelle Geschichte des Gegenübers ernst zu nehmen.
Schulalltag und Gastfamilien als Teil der Begegnung
Neben der intensiven Projektarbeit bot der Aufenthalt Gelegenheit, das Marmara Koleji und den Alltag der Partnerschüler*innen kennenzulernen. Ein gemeinsames Frühstück, eine Schulführung und Unterrichtsbesuche gehörten ebenso zum Programm wie der gemeinsame Sport und Zeit mit den Gastfamilien. Das Wochenende ließ bewusst Raum für individuelle gemeinsame Unternehmungen.
Diese persönlichen Begegnungen ergänzten die historische Arbeit. Während sich das Projekt mit Zugehörigkeit, Fremdsein und familiären Verbindungen beschäftigte, lernten die Jugendlichen zugleich die Lebenswelt ihrer Austauschpartner*innen kennen. Gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche und alltägliche Erfahrungen schufen einen persönlichen Rahmen für die Zusammenarbeit.

Wetterbedingte Änderungen und ein gemeinsamer Abschluss
Am Donnerstagnachmittag musste das geplante Programm kurzfristig verändert werden. Mit dem einsetzenden sehr starken Regen wurden die Schulen bis einschließlich Freitag geschlossen. Die vorgesehene Weiterarbeit und der Abschluss in der Partnerschule konnten deshalb nicht wie geplant stattfinden.
Stattdessen kamen die Teilnehmenden am Freitagmorgen zu einem gemeinsamen Abschlussfrühstück im Sera Café zusammen. In der leeren Schule fand anschließend eine ausführliche Evaluation statt. Sie bot Raum, die Begegnung sowohl inhaltlich als auch organisatorisch zu reflektieren: Was hat die Jugendlichen besonders angesprochen? Was sollte für die beiden folgenden Projektdurchgänge verändert oder weiterentwickelt werden?
Damit war die Evaluation mehr als ein Rückblick auf eine einzelne Austauschfahrt. Die Erfahrungen des ersten Durchlaufs sollten gezielt in die weitere Zusammenarbeit einfließen und helfen, die nächsten Begegnungen noch passgenauer zu gestalten.

Die eigene Identität neu betrachten
Zum Abschluss des Projektkonzepts gehört außerdem die erneute Befragung aller beteiligten Schülerinnen und Schüler zu ihrer eigenen Identität. Der Vergleich mit den Antworten während des Besuchs in Ahaus soll sichtbar machen, ob und wie die Auseinandersetzung mit der ersten Generation den Blick auf Zugehörigkeit und die eigene Geschichte verändert hat.
Dabei geht es nicht darum, bei allen Jugendlichen dieselbe Wirkung vorauszusetzen. Vielmehr sollen sie selbst reflektieren, welche Bedeutung die Migrationserfahrungen der ersten Generation für ihr Verständnis von Familie, Heimat und Gesellschaft haben – unabhängig davon, ob ihre eigene Familie eine entsprechende Migrationsgeschichte mitbringt.
Geschichte verstehen, Menschen wahrnehmen
Die Begegnung in Istanbul verband historische Recherche, persönliche Gespräche und deutsch-türkische Zusammenarbeit. Besonders die Führung mit Haluk Uluhan und die Interviews mit Zeitzeug*innen und Angehörigen trugen dazu bei, die Perspektive der Herkunftsgesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken und die Folgen von Migration über Grenzen und Generationen hinweg zu betrachten.
Der Projekttitel gab dafür die Richtung vor: „Wir riefen Gastarbeiter*innen, es kamen Menschen.“ Hinter dem Begriff „Gastarbeit“ wurden Menschen mit Hoffnungen, Bindungen, schwierigen Entscheidungen und eigenen Lebensentwürfen sichtbar. Ihre Geschichten kennenzulernen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, war der Kern dieser Begegnung zwischen dem BWV Ahaus und dem Marmara Koleji.






